von Dr. Jochen Gleditsch als Brief an Rudolf Siener vom 22.11.1992
Sehr geehrter, lieber Herr Siener,
nachdem ich Ihre Methode der neuen Punktuellen Schmerztherapie durch Sie kennen lernen und in der Praxis über mehrere Monate erproben konnte, drängt es mich, Ihnen zu sagen, dass Sie unser therapeutisches Repertoire wesentlich erweitert haben. Dafür möchte ich Ihnen meinen Dank und meine Bewunderung ausdrücken – auch für Ihre Großzügigkeit in der Weitergabe Ihrer Erkenntnisse.
Als Akupunkteur beschäftige ich mich speziell mit den Mikrosystemen – den funktionellen Holographien bzw. Selbstspiegelungen des Organismus auf umschriebenen Körperteilen, von denen das Funktionsbild auf der Ohrmuschel („Ohrakupunktur“) das bekannteste ist.
Ihr Punktsystem am Unterschenkel/Fuß lässt auf ein weiteres somatotopisches Areal schließen. Wie Sie wissen, habe ich selbst ein Mikrosystem in der Mundhöhle beschrieben. Entsprechend den neuerlichen Entdeckungen und Hypothesen des chinesischen Prof. Zhang (Shandong-Universität) existiert ein weiteres System am II. Metacarpale.
Zhang, als Biologe, erklärt diese Systeme als grundsätzliches, bei Tier und Pflanze bestehendes Phänomen: nämlich als potentielle, embryonal geprägte Informationsträger, die offensichtlich im Falle nötiger Regeneration und Regulation aktiv werden, bzw. therapeutisch aktiviert werden können. Ihr Sienersches Mikrosystem auf dem Unterschenkel, von Knie bis Ferse, fügt sich nahtlos in diese Vorstellungen ein.
In der Medizingeschichte ist fast immer die Empirie den wissenschaftlichen Erklärungsversuchen vorausgegangen. Mit diesem Faktum musste auch der von Ihnen und mir gleichermaßen verehrte Ferdinand Huneke leben. Ihre Entdeckung der „NPS“ bzw. „NPS-O“ schlägt nach meiner sicht eine Brücke zwischen der Neuraltherapie und der Akupunktur, zwei Methoden, die ich aus meiner ärztlichen Praxis nicht mehr wegdenken kann.
Nochmals Dank für Ihre wertvollen Anregungen und Ihr Engagement für eine bessere und noch erfolgreichere – letztendlich doch auch sanftere – Medizin!
Mit besten Grüßen
Ihr
Jochen Gleditsch